Lustiger Lurch

Die Stadt Marktoberdorf liegt im Allgäu. Früher war Marktoberdorf noch keine Stadt und hieß nur „Oberdorf“. 1453 erhielt Oberdorf von Kaiser Friedrich III. das Marktrecht und war fortan  der Markt Oberdorf. Ab 1898 hieß der Markt Oberdorf dann auch so – also „Markt Oberdorf“. Als der Markt dann 1953 nach einem durch Krieg und Vertreibung verursachten Bevölkerungszuwachs zur Stadt wurde, merkte man, dass es ganz schön doof ist, wenn eine Stadt „Markt“ heißt. Man machte deshalb aus „Markt Oberdorf“ (mit Leerzeichen) „Marktoberdorf“ (ohne Leerzeichen). Und so heißt die Stadt bis heute.

In meiner Jugend war ich häufig in Marktoberdorf. Das liegt daran, dass es nicht weit von meinem Heimatort entfernt liegt und meine Großeltern dort wohnen. Mein Opa schon länger, meine Oma seit Krieg und Vertreibung. Mit seinen circa 18.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist Marktoberdorf eine Kleinstadt und hat dementsprechend ein Stadtzentrum, in dem die höchste Erhebung vermutlich der Kamin des ehemaligen Fendt-Heizkraftwerks wäre, wenn sie die Sankt-Martinskirche nicht auf einen Hügel gestellt hätten (eine Höhenangabe für den Kirchturm suchte ich vergebens, und selbst nachmessen ist gerade leider nicht möglich).

Im Stadtzentrum von Marktoberdorf, in der Nähe des Bahnhofs, nur eine Straße vom Hotel Sepp entfernt, steht das Schuhhaus Sepp. (Mit Namen ist man dort nicht so kreativ, wie Sie vielleicht merken.) Dieses Schuhhaus Sepp gibt es seit 62 Jahren. Das steht zumindest in einem Artikel auf so einer Internetseite zur Textilwirtschaft hinter einer Paywall, die man umgehen kann, indem man die Seite über den Google Cache aufruft. Jedenfalls. Ich kann mich noch erinnern, dass wir gelegentlich zur Kundschaft in diesem Schuhhaus Sepp gehörten. Mein genaues Alter kann ich nicht mehr bestimmen, ich werde so um die zehn Jahre alt gewesen sein.

Das Schuhhaus Sepp verkaufte auch Salamander-Schuhe. Das besondere an Salamander ist, dass es seit 1937 von Salamander produzierte Comic-Hefte gibt, in denen ein Salamander mit dem Namen „Lurchi“ diverse Abenteuer durchlebt. Sinn und Zweck dieser Heftchen war, die unruhigen Kinderlein zu beschäftigen, während Mutti sich in Ruhe von der Verkäuferin über die neueste Schuhmode informieren lässt. Auch im Schuhhaus Sepp lagen diese Heftchen aus, und ihre Lektüre beschäftigte mich recht effektiv.

Es gibt auch Sammelbände dieser Lurchi-Hefte. Zwei davon standen in meinem Bücherregal: Sammelband I, der die Heftchen 1 bis 21 sammelt, und Sammelband V, der die Heftchen 77 bis 95 in sich vereint.

Die klassischen Lurchi-Geschichten sind in Reimform geschrieben und in der Regel nach folgendem Schema aufgebaut: Die Geschichte wird motiviert, Lurchi tut ein paar Mal heldenhafte Dinge, eventuell mit seinen Freunden zusammen, Festessen. Und am Ende stets der Ausspruch: „Salamander lebe hoch!“ Alle Vorkommen von „Salamander“ im Text sind dabei pink hervorgehoben.

Der Held Lurchi trägt selbstverständlich die guten Schuhe von Salamander. Deren besondere Qualität und Haltbarkeit ist oft auch zentral für die Handlung. Klar – es handelt sich schließlich immer noch um Werbematerial. In den späteren Geschichten nimmt das allerdings ab.

Beschreibung

Im Text gut sichtbar die Hervorhebungen von „Salamander“. Im Bild wird die besondere Qualität der Salamander-Schuhe dargestellt: Die Unterscheidung zwischen echtem und falschem Lurchi erfolgt durch einen Tanz auf glühenden Kohlen. (Sammelband V, Seite 20-21, aus Heft Nr. 85 „Lurchi und sein Doppelgänger“ Jahrgang: März 85)

Weiteres Merkmal der Lurchi-Geschichten sind die detailverliebten Illustrationen. In gefühlt jedem zweiten Bild lugt zum Beispiel ein Holzwurm irgendwo hervor. Vielleicht war der Zeichner auch Holzwurmfetischist, wer weiß.

Guten Tag!

Guten Tag! (Sammelband V, Seite 126, aus Heft Nr. 87 „Lurchi feiert Weihnachten“ Jahrgang: Oktober 85)

Als junger Mensch, der einmal an einer mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn studieren würde, gab es eine bestimmte Geschichte, die mich ganz besonders störte. Es ist die Geschichte „Lurchi und der Raddampfer“ aus dem März 1984.

Die Geschichte verläuft folgendermaßen: Feuerquak ist Lurchis Vetter („ein rauher Seebär, doch ein netter“) und kommt mit seinem Dampfschiff an den Steg, an dem Lurchi und seine Freunde gerade angeln.

Lurchis Vetter winkt, ist lustig,
die ganze Mannschaft furchtbar durstig.
„Ein Prosit allen frohen Zechern,
so laßt uns fröhlich einen bechern.“

Lurchi und seine Freunde übernehmen das Dampfschiff vom alkoholisierten Vetter Feuerquak, der mit seiner Mannschaft den Bus zum Ziel nimmt. Das Schiff wird kräftig befeuert, um ein Wettrennen mit einem Krokodil zu gewinnen, der Kessel bekommt Überdruck und explodiert, vor lauter Rauch sieht Lurchi am Steuer nicht mehr richtig und nimmt die falsche Abzweigung. Das Schiff steuert nun auf einen Wasserfall zu. Es handelt sich bei dem Schiff um einen Raddampfer mit seitlichen Schaufelrädern. Schaufelräder sind diese sternförmig angeordneten Holzplatten die sich um eine Achse drehen und das Schiff im Wasser dadurch „nach vorn schieben“.

Nun muss Lurchi als Held das Schiff und die Mannschaft retten:

Die Strömung zieht, ihm wird ganz bang,
da hilft auch nicht der Rückwärtsgang.
Die Schaufelräder hochgeklappt,
ein Zahnrad rasch noch hingepappt.
Die Räder dreh’n sich so noch schneller,
die Wirkung ist wie beim Propeller.
Den schlimmen Aufprall damit stoppt er.
(Genauso geht’s beim Helikopter.)

Die Schaufelräder werden also um 90 Grad hochgeklappt, so dass sie parallel zur Wasseroberfläche rotieren. Damit wird angeblich ein Auftrieb erzeugt, durch den der Dampfer über den Wasserfall hinausschießt, um dann zu sinken und halbwegs sanft unten wieder im Fluss aufzuschlagen.

Wunder der Physik in Aktion!

Wunder der Physik in Aktion! (Sammelband V, Seite 40-41, aus Heft Nr. 82 „Lurchi und der Raddampfer“ Jahrgang: März 84)

Da sitzt man dann als etwa zehnjähriger zukünftiger Student an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Und denkt sich: „Was für ein Unsinn. Da entsteht doch gar kein Auftrieb“.

Vielleicht bin ich auch deshalb Student an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn geworden. Und nicht Comic-Zeichner.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.