ESC 2016: Jury vs. Publikum

Wie schon 2013, 2014 und 2015 wollen wir auch dieses Jahr einen Blick auf die detaillierten Ergebnisse des Eurovision Song Contest 2016 werfen und uns zwei Fragen widmen: Wer wurde von den Jurys abgestraft und vom Publikum nach vorn gevotet? Und bei wem ist es umgekehrt?

Das ganze funktioniert trotz neuem Voting-System immer noch. Es macht sogar etwas weniger Arbeit, da die Reihenfolgen von Jury und Publikum nicht erst verwurschtelt werden.

Die willkürlich gewählte Grenze für „signifikante“ Verschiebungen liegt abermals bei 5 Punkten, denn das haben wir schon immer so gemacht. Zusätzlich werden die Beiträge betrachtet, bei denen auch geringere Verschiebungen Auswirkungen auf ihr Fortkommen im Bewerb hatten.

Zur Erläuterung: Im Abschnitt „Die Jurys“ betrachten wir, wie das Juryvoting sich auf die Endplatzierung eines Beitrags im Vergleich zum reinen Publikumsvoting ausgewirkt hat. Im Abschnitt „Das Publikum“ hingegen betrachten wir, wie sich die Endplatzierung eines Beitrags durch das Publikumsvoting verbessert/verschlechtert hat im Vergleich zur Platzierung im Juryvoting.

Beginnen wir beim

1. Halbfinale

Die Jurys

up Malta (Ira Losco – Walk on Water) gewinnt 6 Plätze (9 ↗ 3)

down Österreich (ZOË – Loin d’ici) verliert 5 Plätze (2 ↘ 7)

down Bosnien und Herzegovina (Dalal & Deen feat. Ana Rucner & Jala – Ljubav je) verliert 3 Plätze (8 ↘ 11)

Die schwangere Maltesin im Goldkleid ist ja bekanntermaßen Juryliebling, während der Beitrag auf Französisch überraschenderweise vor allem beim Publikum gut ankommt. Die Jury hätte ihn noch auf einen undankbaren elften Platz gesetzt.

Der Stacheldraht-Beitrag aus Bosnien und Herzegovina mit obligatorischem Rap-Part wird aber dank schlechter Jurywertung gekickt.

Das Publikum

up San Marino (Serhat – I Didn’t Know) gewinnt 5 Plätze (17 ↗ 12)

down Tschechien (Gabriela Gunčíková – I Stand) verliert 5 Plätze (4 ↘ 9)

down Montenegro (Highway – The Real Thing) verliert 3 Plätze (10 ↘ 13)

I-want-to-sleep-with-you-tonight-flüster-Serhat bekommt deutlich mehr Sympathie vom Publikum als von den Jurys. Das reicht aber nicht fürs Finale.

Gabriela Gunčíková hingegen schafft trotz Klatsche vom Publikum den ersten Finaleinzug überhaupt für Tschechien. Das dürfte daran liegen, dass ihr Lied sich vom Band besser anhört als live. Ginge es nur nach dem Publikum, wäre sie mit Platz 12 im Halbfinale rausgeflogen.

Von Montenegro weiß ich nur noch, dass sie bei weitem nicht an den letztjährigen Beitrag rankamen. Zurecht rausgeflogen.

Nun auf zum

2. Halbfinale

Die Jurys

up Israel (Hovi Star – Made of Stars) gewinnt 9 Plätze (16 ↗ 7)

down Mazedonien (Kaliopi – Dona) verliert 3 Plätze (8 ↘ 11)

down Weißrussland (Ivan – Help You Fly) verliert 3 Plätze (9 ↘ 12)

Irgendwas hat der Sternsinger mit den Jurys gemacht. Oder er hatte Pech und zwei sehr schlechte Live-Auftritte. Dieses Ge-fanboy-e und Ge-fangirl-e bei den Jurys ist nicht anders zu erklären.
Pech haben Mazedonien und Weißrussland: Donut-donut-donut und der nackerte junge Mann, der mit Wölfen und sich selbst auf der Bühne steht, rutschen durch die Jurywertung unten raus. Leider!

Das Publikum

up Polen (Michał Szpak – Color of Your Life) gewinnt 9 Plätze (15 ↗ 6)

down Slowenien (ManuElla – Blue and Red) verliert 4 Plätze (10 ↘ 14)

Jetzt singen sie schon über Farben. Was kommt als nächstes – das Wetter?1. Publikumsliebling Michał Szpak fragt, ManuElla antwortet – er kommt ins Finale, sie nicht.

Nun aber auf zu den richtig großen Zahlen.

Finalöööö

Ein Wort: Hilfe.

Die Jurys

up Belgien (Laura Tesoro – What’s the Pressure) gewinnt 6 Plätze (16 ↗ 10)

up Malta (Ira Losco – Walk on Water) gewinnt 10 Plätze (21 ↗ 11)

up Niederlande (Douwe Bob – Slow Down) gewinnt 5 Plätze (17 ↗ 12)

up Israel (Hovi Star – Made of Stars) gewinnt 8 Plätze (22 ↗ 14)

down Polen (Michał Szpak – Color of Your Life) verliert 5 Plätze (3 ↘ 8)

down Österreich (ZOË – Loin d’ici) verliert 5 Plätze (8 ↘ 13)

down Aserbaidschan (Samra – Miracle) verliert 5 Plätze (12 ↘ 17)

down Serbien (ZAA Sanja Vučić – Goodbye (Shelter)) verliert 7 Plätze (11 ↘ 18)

down Ungarn (Freddie – Pioneer) verliert 5 Plätze (14 ↘ 19)

down Zypern (Minus One – Alter Ego) verliert 6 Plätze (15 ↘ 21)

Ein Schlachtfest. Beginnen wir mit den „positiven“ Dingen: Malta mit Baby und der Sternsinger werden erneut mächtig von den Jurys gepusht, außerdem gibt’s Bonuspunkte für 10 Sekunden Pause (Niederlande) und einen Beitrag, der beim Junior Eurovision Dance Contest besser aufgehoben wäre (Belgien).

Dann wird wieder versucht, den guten Michał Szpak aus Polen abzuwerten – das klappt aber nicht so gut. Unter den Jurys leiden müssen ebenfalls wieder Österreich, Aserbaidschan (siehe nächster Absatz), Lakritz-Kleid-Serbien, der Freddie aus Ungarn mit dem kleinen Kopf, und Zypern. Deren Käfige hatten die Jurymitglieder wohl zu sehr daran erinnert, was mit ihnen passiert, wenn sie ihre Punkteabgabe periscopen.

Zurück zu Aserbaidschan: Das Lied gabs schonmal, aber in gut. Guckstu:

Das Publikum – Hype for Poland

up Polen (Michał Szpak – Color of Your Life) gewinnt 17 Plätze (25 ↗ 8)

Entschuldigen Sie, aber ich muss kurz was loswerden: klick

up Österreich (ZOË – Loin d’ici) gewinnt 11 Plätze (24 ↗ 13)

up Serbien (ZAA Sanja Vučić – Goodbye (Shelter)) gewinnt 5 Plätze (23 ↗ 18)

down Malta (Ira Losco – Walk on Water) verliert 7 Plätze (4 ↘ 11)

down Israel (Hovi Star – Made of Stars) verliert 6 Plätze (8 ↘ 14)

down Georgien (Nika Ko­scharow & Young Georgian Lolitaz – Midnight Gold) verliert 6 Plätze (14 ↘ 20)

down Spanien (Barei – Say Yay!) verliert 6 Plätze (16 ↘ 22)

down Vereinigtes Königreich (Joe and Jake – You’re Not Alone) verliert 7 Plätze (17 ↘ 24)

Für Polen beträgt der Unterschied zwischen Jury- und Publikumsplatzierung 22 Plätze. 22! Die Zahl ist so groß, dass ich sie nicht einmal ausschreiben muss. Bei 26 Teilnehmern! Großartigst, wie Polen einfach ohne Jurypunkte in die Top 10 kommt.

Mit Österreich und Serbien haben wir uns ja schon beschäftigt: Das Publikum mag Französisch und Lakritz.

Das gleiche gilt für Malta und Israel. Statt uns einen neuen Wortwitz mit Gold, Sternen oder schwanger auszudenken, wollen wir an dieser Stelle kurz überlegen, was hier passiert ist. Mein Eindruck: Die Lieder wirken erst richtig, wenn man sie ein paar Mal angehört hat. Etwas, was die Mitglieder der Jurys hoffentlich standardmäßig tun, das ESC-Publikum aber vor der Abstimmung eher selten. Daher dieser große Unterschied zwischen der Einschätzung des Publikums und der der Jurys.

Nun zu Georgien. Es beruhigt doch etwas, dass dieses Videoeffekt-Brimborium beim Publikum nicht so gut ankommt. Der Beitrag als solcher ist fast so schlecht wie der georgische Beitrag von 20142. Außerdem hat die Band die Lolitaz vergessen! Oder ist das Kunst? Da waren sicher einige enttäuscht.

Barei sagt wohl eher „Nay!“3, und das mit dem nicht alleine sein hat Aram Mp3 für Armenien ebenfalls 2014 bereits besser besungen.

Fazit

Dass Deutschland oben nicht auftaucht, hat einen einfachen Grund, auf den ihr sicher selbst kommt 😉

Was den Siegertitel angeht: Da haben die Jurys dem Publikum den Favoriten weggeschossen, und das Publikum hat den Jurys den Favoriten weggesnipert. Was übrig blieb, war die Ukraine: Bei beiden auf Platz 2, und nun Gesamtsieger.

Es lässt sich konstatieren, dass die Meinungen von Jurys und Publikum divergieren wie bisher. Dank der neuen Punkteberechnung sieht das Endergebnis dann aber anders aus. Warum fünf Hanserln pro Land 50 % der Punkte ausmachen sollen, bleibt unklar.

  1. Thunder and lightning, it’s getting exciting!
  2. Nein, bitte nicht googeln. Ernstlich!
  3. Ein Euro in die Wortwitzkasse!

ESC-Plotmania!

Der Eurovision Song Contest 2016 hat stattgefunden. Je nachdem, wen man fragt, hat die Ukraine/Australien/Russland gewonnen. Und aus den gesammelten Ergebnissen, die quasi sofort nach dem Finale auf eurovision.tv veröffentlicht wurden, kann ich wieder tolle Plots generieren.

Alle Plots herunterladen!

Warum Australien letztes Jahr gewonnen hätte

Noch in der Finalnacht hatte ich etwas getwittert, und bislang sieht es so aus, als ob ich mich nicht verrechnet habe.

Die Abstimmungsregeln, die von 2013 bis 2015 beim ESC galten, hatten eine störende Eigenschaft: Eine sehr schlechte Bewertung durch die Jury eines Landes konnte ein gutes Televoting-Ergebnis negieren, und umgekehrt, da die beiden Rangfolgen zunächst kombiniert wurden, um auf deren Basis dann Punkte zu verteilen. Es war also wichtig, sowohl ein gutes Jury- als auch ein gutes Televoting-Ergebnis im gleichen Land zu erzielen, um möglichst viele Punkte zu sammeln.

Sei 2016 beeinflussen sich Jury- und Publikumsbewertung nicht mehr gegenseitig, sondern werden lediglich am Ende addiert.

Sehen wir uns einmal die Rangverteilungen der drei Top-Beiträge im Finale an: Australien (am meisten Jury-Punkte), Ukraine (Gesamtsieg) und Russland (am meisten Publikumspunkte).

Bei Australien sehen wir, dass die Ränge von Jury (blau) und Publikum (rot) sich relativ ähnlich sind und recht konstant im oberen Bereich bewegen. Russland und Ukraine haben konstant hohe Publikumsbewertungen, die Jurybewertungen fallen aber mehr oder weniger steil ab. Das bedeutet im letztjährigen Verfahren einen Nachteil, da der kombinierte Rang dadurch nach unten gezogen wird.

Beim Gesamtsieg geht es dieses Jahr aber letztlich um die Gesamtlänge der Balken oberhalb der grauen Markierung, unabhängig von deren Farbe. Hier hat die Ukraine dank der besseren Jurybewertungen die Nase vor Russland.

Polen

Hat sich noch jemand bei der Verlesung der Publikumswertungen wenig dafür interessiert, was in den oberen Rängen passiert, sondern nur darauf geachtet, dass Polen immer noch mit 7 Jury-Punkten auf dem letzten Platz auf seine Publikumspunkte wartet?

Und dann ging es – huiii! – mit 222 Publikumspunkten nach vorn auf den achten Platz. Möglich macht so etwas die neue Art der Punkteverkündigung.

Doch was war da passiert? Im Halbfinale hatte es noch Jury-Punkte für Polen gegeben. Viele Jurorinnen und Juroren der Länder, aus denen es im Halbfinale noch Jury-Punkte für Polen gab, sind in der folgenden Grafik in der rechten Hälfte. Das bedeutet, dass sie Polen im Finale im Vergleich zu den restlichen Ländern aus Halbfinale 2 weiter hinten einsortiert haben. Beachtet man, dass der Beitrag auch ungefähr genauso so oft weiter nach vorn sortiert wurde, ist das alles wohl einfach nur ungünstig gelaufen.

rankdiffs_for_countries_poland

Den entgegengesetzten Fall zu Polen gibt es auch: Die Jurys fanden die schwangere Sängerin im goldenen Kleid aus Malta und den Herrn mit dem breiten Kinn aus Israel ganz toll, das Publikum war weniger beeindruckt. Das fiel aber nicht so stark auf, die beiden Länder haben einfach auf der linken Bildschirmhälfte früh ihre Punkte bekommen.

Und sonst so

Deutschland könnten wir noch zeigen:

Schaug an. Da sind wohl viele Deitsche in die Schweiz gefahren und haben von da aus angerufen.

Schaug an. Da sind wohl viele Deitsche in die angrenzenden DACH-Staaten gefahren und haben von da aus angerufen.

Und die arme Tschechei:

Nur Punkte von den Juries - das ist ja noch bitterer als Deutschland.

Nur Punkte von den Jurys – das ist ja noch bitterer als Deutschland.

Zu guter Letzt:

Na wer hat denn da dem Siegertitel keine Punkte gegeben im Finale? Was war da los, Island?

Na wer hat denn da dem Siegertitel keine Punkte gegeben im Finale? Was war da los, Island?

The not-so-tiny Eurovision Song Contest Voting Relations Map

I did a thing.

When juries were re-introduced in the voting procedure of the Eurovision Song Contest in 2009, this was in order to reduce the effect of voting blocs1.

It is natural to ask the following question: Did it work?

In order to answer that question for yourself, you may look at this interactive map that I created over the last two days. For each country, the average and total number of points earned from the other countries are displayed. The underlying dataset is subdivided: From 2003 until the semifinals of 2009, the points were (mainly2) determined by national televoting. Since the final of 2009, national juries and national televoting each account for 50 % of the awarded points.

Mehr