ESC-Plotmania 2017

Wäre ich einer dieser ominösen russischen Hacker, von denen man in letzter Zeit überall liest, hätte ich gemacht, dass der Trollbeitrag von Portugal gewinnt. Ich sag’s nur.

Auch in diesem Jahr hat die EBU direkt nach dem Finale die detaillierten Wertungen der beiden Halbfinals sowie des Finales veröffentlicht. Dabei haben sie das ganze in ein neues dynamisches shiny sparkling Interface gepackt. Leider haben sie dabei vergessen, dass Rohdaten das einzig Wahre sind. So durfte ich mir die Daten für meine Balkendiagramm-Skripte mühsam über eine komische API abfragen. Als dann auch noch die API meinte, Sonntags einen Ruhetag einlegen zu müssen, habe ich entnervt manuell die Tabellen aus dem shiny sparkling Interface kopiert.

Ey nerv nicht!

Positiver Nebeneffekt der ganzen Angelegenheit: Die Daten waren nun wieder im selben Format wie in den letzten Jahren. Die nächtlichen Skriptanpassungen hätte ich mir also sparen können.

Nun denn. Was sagen uns die Zahlen?

Blicken wir zunächst auf die Punkteverteilung im Finale, getrennt nach Jury- und Publikumspunkten.

Punkte im Finale, getrennt nach Televoting und Juries, sortiert nach Televoting.

Es fällt auf, das die ersten vier Plätze denen der reinen Televote-Reihung entsprechen. Während Portugal und Bulgarien etwa gleich viele Jury- wie Publikumspunkte erhalten haben, konnte bei Moldawien und Belgien die eher maue Jurywertung die gute Platzierung zum Glück nicht verhindern. Sehr oft sind sich Jury und Publikum aber nicht einig.

Spaßfakt: Nach dem bis 2015 eingesetzten System zur Punkteberechnung hätte Portugal 417 von 492 erreichbaren Punkten 84,7 % der maximal erreichbaren Punkte bekommen – und wäre damit in der ewigen Bestenliste nach maximal erreichbaren Punkten auf Platz 1 statt 10.

Das ist so, weil sich bei diesem Beitrag Juries und Publikum oft einig über eine hohe Punktzahl waren, was im alten System der Schlüssel zum Erfolg war.

Anderswo sieht es anders aus: Australien und Österreich, im Englischen gern verwechselt, machen hier auch noch ähnliche Dinge:

Nun sind wir auch seelisch bereit für einen Blick auf die Schlusslichternden dieses Abends: Deutschland und Spanien.

An mehreren Jurypunkten ist Deutschland ganz knapp vorbeigeschrammt – nicht einmal das kann man bei Spanien sagen. Die haben lediglich die Mitleidspunkte von Sieger und Nachbarstaat Portugal.

Apropos Mitleidspunkte: San Marino im 2. Halbfinale.

Ist das der Siegelbonus? Man weiß es nicht.

 

Was auch noch geht: Vergleichen, wie die sich die Einsortierung eines Beitrags durch die einzelnen Jurymitglieder vom Halbfinale zum Finale hin verändert. Belgien scheint da großflächig einen Schub verpasst bekommen zu haben. Wenn man mal Albanien D ignoriert.

(Irgend ein Wortwitz mit City Lights)

In der nächsten Woche folgt dann sicher noch die Analyse, welche Beiträge von Jury- oder Publikumswertungen profitiert haben. Bis dahin gibt es hier schon einmal die geballte Ladung Grafiken:

escplots2017.zip

Viel Spaß damit.

 

Warum wird am Schulbus gedrängelt?

Ich bin ja ursprünglich vom flachen Voralpen- Land. Dort hat selbstverständlich nicht jedes Kuhdorf eine eigene weiterführende Schule, sondern die Kinder fahren morgens mit dem öffentlichen Personennahverkehr in die nächstgrößere Stadt, und nachmittags wieder zurück.

Nehmen wir mal als Beispiel die kleine Sven…ja. Die kleine Svenja also. Die wohnt jetzt beispielsweise in Nesselwang und geht auf das staatliche Gymnasium Füssen in Füssen. Könnte wirklich so sein!

Von Nesselwang aus kommt man mit der OVG-Linie 63/71 nach Füssen. Die startet ganz frühmorgens um 6:05 Uhr in Kempten, ist planmäßig um Viertel vor 7 in Nesselwang und liefert die Kinderlein planmäßig um 7:25 Uhr am Bahnhof in Füssen ab. Und nach der Schule geht es die gleiche Strecke wieder zurück. Das ergibt für die kleine Svenja aus Nesselwang eine Fahrzeit von täglich etwa zwei Dreiviertelstunden. Zeit, in der man Hausaufgaben abschreiben oder noch ein wenig powernappen kann.

Die Route der 63/71 frühmorgens, mit extrem detailliert eingezeichneten Ortschaften entlang des Wegs.

Die Route der 63/71 frühmorgens, mit extrem detailliert eingezeichneten Ortschaften entlang des Wegs.

Nun betreiben wir ein wenig Data Science1 und färben den Streckenverlauf nach Füllstand des Busses ein: Cyan heißt „leer“, Lila heißt „voll“, also alle Sitzplätze (!) sind besetzt.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe.

Huch! Was passiert denn da! Das schauen wir uns doch einmal genau an.

I have amazing zoom. Believe me, I have the best zoom.

I know zoom, I have the best zoom.

Die Stelle, an der die Strecke von Cyan zu Lila wechselt, ja? Das ist die Haltestelle „Nesselwang West“. Eine für diese Strecke sehr wichtige Haltestelle: An ihr wird die Sitzplatzkapazität des Busses erschöpft. Das bedeutet: Wer vor dieser Haltestelle einsteigt, bekommt immer einen Sitzplatz. Wer nach ihr einsteigt, bekommt nie einen Sitzplatz. Und vielleicht am wichtigsten: Wer an dieser Haltestelle einsteigt, bekommt möglicherweise einen Sitzplatz. Je später man im Vergleich zu den restlichen Kindern den Bus betritt, desto geringer wird die Chance auf einen Sitzplatz, und umgekehrt.

Was tut also die kleine Svenja, wenn sie nicht eine Dreiviertelstunde lang im Bus stehen möchte? Aktiv anstehen2.

Nun gibt es hin und wieder Eltern, die sich das Ganze ansehen und dann empört Dinge kundtun wie „Des isch nur an der Haltestelle so!“ und „Woanderscht stellen sich die Kinder ganz brav an, blos diese Brand-Kinder3 net!“

Führt man sich die Gesamtsituation vor Augen, ergibt sich relativ einfach die folgende Grafik, die abschließend sehr anschaulich darstellt, weshalb nur an der Haltestelle „Nesselwang West“ gedrängelt aktiv angestanden wird, dort aber mit vollem Einsatz.

Hausaufgabe bis zum nächsten Mal: Finde den Punkt, an dem der Profit maximal ist!

Hausaufgabe bis zum nächsten Mal: Finde den Punkt, an dem der Profit maximal ist!

Bonustrack! Was kann getan werden, um das Drängel-Problem zu umgehen? Es gibt mehrere Alternativen:

  1. Die Kinder mit dem Auto extra an eine Haltestelle weiter vorn fahren. Schwachstelle: Wenn das jeder machen würde!
  2. Alle Sitzplätze aus dem Bus ausbauen. Schwachstelle: Die Kunden werden nicht begeistert sein.
  3. Genug Sitzplätze für alle bereitstellen, sodass kein Punkt entsteht, an dem zu aktivem Anstehen motiviert wird. Schwachstelle: So ein zweiter Bus kostet Geld.
  4. Nichts tun, sondern einfach weiter meckern und jammern. Die Kinder werden schließlich irgendwann mit der Schule fertig und dann ist es nicht mehr unser Problem. Schwachstelle: keine!

Grafiken: Strecken-Daten von OpenStreetMap – Veröffentlicht unter ODbL

  1. das ist Englisch für „Zahlenmagie“
  2. euphemistisch für „Drängeln“
  3. Die Haltestelle „Nesselwang West“ befindet sich im Ortsteil „Brand“. War das ein Wortwitz-Feuerwerk, als es da mal auf einer Wiese gebrannt hat!

ESC-Plotmania!

Der Eurovision Song Contest 2016 hat stattgefunden. Je nachdem, wen man fragt, hat die Ukraine/Australien/Russland gewonnen. Und aus den gesammelten Ergebnissen, die quasi sofort nach dem Finale auf eurovision.tv veröffentlicht wurden, kann ich wieder tolle Plots generieren.

Alle Plots herunterladen!

Warum Australien letztes Jahr gewonnen hätte

Noch in der Finalnacht hatte ich etwas getwittert, und bislang sieht es so aus, als ob ich mich nicht verrechnet habe.

Die Abstimmungsregeln, die von 2013 bis 2015 beim ESC galten, hatten eine störende Eigenschaft: Eine sehr schlechte Bewertung durch die Jury eines Landes konnte ein gutes Televoting-Ergebnis negieren, und umgekehrt, da die beiden Rangfolgen zunächst kombiniert wurden, um auf deren Basis dann Punkte zu verteilen. Es war also wichtig, sowohl ein gutes Jury- als auch ein gutes Televoting-Ergebnis im gleichen Land zu erzielen, um möglichst viele Punkte zu sammeln.

Sei 2016 beeinflussen sich Jury- und Publikumsbewertung nicht mehr gegenseitig, sondern werden lediglich am Ende addiert.

Sehen wir uns einmal die Rangverteilungen der drei Top-Beiträge im Finale an: Australien (am meisten Jury-Punkte), Ukraine (Gesamtsieg) und Russland (am meisten Publikumspunkte).

Bei Australien sehen wir, dass die Ränge von Jury (blau) und Publikum (rot) sich relativ ähnlich sind und recht konstant im oberen Bereich bewegen. Russland und Ukraine haben konstant hohe Publikumsbewertungen, die Jurybewertungen fallen aber mehr oder weniger steil ab. Das bedeutet im letztjährigen Verfahren einen Nachteil, da der kombinierte Rang dadurch nach unten gezogen wird.

Beim Gesamtsieg geht es dieses Jahr aber letztlich um die Gesamtlänge der Balken oberhalb der grauen Markierung, unabhängig von deren Farbe. Hier hat die Ukraine dank der besseren Jurybewertungen die Nase vor Russland.

Polen

Hat sich noch jemand bei der Verlesung der Publikumswertungen wenig dafür interessiert, was in den oberen Rängen passiert, sondern nur darauf geachtet, dass Polen immer noch mit 7 Jury-Punkten auf dem letzten Platz auf seine Publikumspunkte wartet?

Und dann ging es – huiii! – mit 222 Publikumspunkten nach vorn auf den achten Platz. Möglich macht so etwas die neue Art der Punkteverkündigung.

Doch was war da passiert? Im Halbfinale hatte es noch Jury-Punkte für Polen gegeben. Viele Jurorinnen und Juroren der Länder, aus denen es im Halbfinale noch Jury-Punkte für Polen gab, sind in der folgenden Grafik in der rechten Hälfte. Das bedeutet, dass sie Polen im Finale im Vergleich zu den restlichen Ländern aus Halbfinale 2 weiter hinten einsortiert haben. Beachtet man, dass der Beitrag auch ungefähr genauso so oft weiter nach vorn sortiert wurde, ist das alles wohl einfach nur ungünstig gelaufen.

rankdiffs_for_countries_poland

Den entgegengesetzten Fall zu Polen gibt es auch: Die Jurys fanden die schwangere Sängerin im goldenen Kleid aus Malta und den Herrn mit dem breiten Kinn aus Israel ganz toll, das Publikum war weniger beeindruckt. Das fiel aber nicht so stark auf, die beiden Länder haben einfach auf der linken Bildschirmhälfte früh ihre Punkte bekommen.

Und sonst so

Deutschland könnten wir noch zeigen:

Schaug an. Da sind wohl viele Deitsche in die Schweiz gefahren und haben von da aus angerufen.

Schaug an. Da sind wohl viele Deitsche in die angrenzenden DACH-Staaten gefahren und haben von da aus angerufen.

Und die arme Tschechei:

Nur Punkte von den Juries - das ist ja noch bitterer als Deutschland.

Nur Punkte von den Jurys – das ist ja noch bitterer als Deutschland.

Zu guter Letzt:

Na wer hat denn da dem Siegertitel keine Punkte gegeben im Finale? Was war da los, Island?

Na wer hat denn da dem Siegertitel keine Punkte gegeben im Finale? Was war da los, Island?