ESC-Plotmania 2018

Erneut blicken wir in die düsteren Abgründe der ESC-Punktevergabe. Genauer gesagt, auf bunte Grafiken, denen wir ihre innersten Geheimnisse zu entlocken ersuchen.

Los geht es mit der Punkteverteilung im Finale:

ESC-Plotmania 2018

Der sogenannte „Rechen“.

Was wir hier sehen, nennt sich auf gut britisch eine „bloody mess“. Nur selten sind sich Jury und Publikum einig, wie viele Punkte ein Beitrag verdient hätte. Schauen Sie nur einmal auf Schweden: Die Juries finden es geil, das Publikum eher nicht. Glück für den Sieger Israel, dass die Jurymitglieder diesem Beitrag nicht allzu abgeneigt waren.

Am Ende entschied es sich zwischen Israel (Platz 1) und Zypern (Platz 2). Beides Länder, die von allen anderen Ländern Punkte bekommen hatten. Doch halt! Von allen Ländern?

In den Landeseinzelwertungen entdecken wir ein ganz anderes Phänomen: Zahlreiche Beiträge haben aus vielen Ländern entweder nur Jurypunkte oder nur Publikumspunkte bekommen. Wtf?

Da bekommen die „Split Results“ direkt eine ganz andere Bedeutung.

Überhaupt: So klar wie der Sieg Portugals letztes Jahr war es dieses Jahr ganz und gar nicht. Da reicht schon ein Vergleich der Ränge, auf die die siegreichen Beiträge gesetzt wurden.

Apropos Portugal: Was ist eigentlich mit dem Sieger der Herzen™ 2018?

ESC-Plotmania 2018

Für mehr Punkte hat es leider nicht gereicht. Meist war es nicht einmal knapp. Que pena!

Auch der Blick auf einzelne Jurymitglieder lohnt sich. Die dürfen ja für Beiträge aus ihrem Halbfinale, die es ins Finale geschafft haben, ein zweites Mal abstimmen. Vergleicht man die Sortierung dieser Beiträge aus dem Finale mit der Sortierung aus dem Halbfinale, entdeckt man mitunter Interessantes.

Valts Pūce (Lettland A) hatte Schweden im Halbfinale noch auf den letzten Rang platziert, im Finale setzte er den Schweden aber auf Rang 4. Mysteriös!

Ähnliches passierte Predrag Nedeljkovic (Montenegro C): Setzte Moldawien im Halbfinale noch auf Rang 15/17, im Finale dann aber auf Rang 2. Mysteriös!

Da loben wir uns doch Lesley Joanna van der Aa (Niederlande E). Hat sich einmal auf eine Reihung der Beiträge festgelegt und hält auch daran fest. So sieht Verlässlichkeit aus!

Lasha Tumbai

Und was war jetzt mit Russland los? Ich würde sagen: Ein schlechter Beitrag. Das zeigt der einfache Vergleich mit 20161.

Bleibt nur noch zu sagen:

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  1. 2017 konnte die russische Interpretin wegen ukrainischer Einreisebestimmungen nicht teilnehmen.

ESC-Plotmania 2017

Wäre ich einer dieser ominösen russischen Hacker, von denen man in letzter Zeit überall liest, hätte ich gemacht, dass der Trollbeitrag von Portugal gewinnt. Ich sag’s nur.

Auch in diesem Jahr hat die EBU direkt nach dem Finale die detaillierten Wertungen der beiden Halbfinals sowie des Finales veröffentlicht. Dabei haben sie das ganze in ein neues dynamisches shiny sparkling Interface gepackt. Leider haben sie dabei vergessen, dass Rohdaten das einzig Wahre sind. So durfte ich mir die Daten für meine Balkendiagramm-Skripte mühsam über eine komische API abfragen. Als dann auch noch die API meinte, Sonntags einen Ruhetag einlegen zu müssen, habe ich entnervt manuell die Tabellen aus dem shiny sparkling Interface kopiert.

ESC-Plotmania 2017

Ey nerv nicht!

Positiver Nebeneffekt der ganzen Angelegenheit: Die Daten waren nun wieder im selben Format wie in den letzten Jahren. Die nächtlichen Skriptanpassungen hätte ich mir also sparen können.

Nun denn. Was sagen uns die Zahlen?

Blicken wir zunächst auf die Punkteverteilung im Finale, getrennt nach Jury- und Publikumspunkten.

ESC-Plotmania 2017

Punkte im Finale, getrennt nach Televoting und Juries, sortiert nach Televoting.

Es fällt auf, das die ersten vier Plätze denen der reinen Televote-Reihung entsprechen. Während Portugal und Bulgarien etwa gleich viele Jury- wie Publikumspunkte erhalten haben, konnte bei Moldawien und Belgien die eher maue Jurywertung die gute Platzierung zum Glück nicht verhindern. Sehr oft sind sich Jury und Publikum aber nicht einig.

Spaßfakt: Nach dem bis 2015 eingesetzten System zur Punkteberechnung hätte Portugal 417 von 492 erreichbaren Punkten 84,7 % der maximal erreichbaren Punkte bekommen – und wäre damit in der ewigen Bestenliste nach maximal erreichbaren Punkten auf Platz 1 statt 10.

Das ist so, weil sich bei diesem Beitrag Juries und Publikum oft einig über eine hohe Punktzahl waren, was im alten System der Schlüssel zum Erfolg war.

Anderswo sieht es anders aus: Australien und Österreich, im Englischen gern verwechselt, machen hier auch noch ähnliche Dinge:

Nun sind wir auch seelisch bereit für einen Blick auf die Schlusslichternden dieses Abends: Deutschland und Spanien.

An mehreren Jurypunkten ist Deutschland ganz knapp vorbeigeschrammt – nicht einmal das kann man bei Spanien sagen. Die haben lediglich die Mitleidspunkte von Sieger und Nachbarstaat Portugal.

Apropos Mitleidspunkte: San Marino im 2. Halbfinale.

ESC-Plotmania 2017

Ist das der Siegelbonus? Man weiß es nicht.

 

Was auch noch geht: Vergleichen, wie die sich die Einsortierung eines Beitrags durch die einzelnen Jurymitglieder vom Halbfinale zum Finale hin verändert. Belgien scheint da großflächig einen Schub verpasst bekommen zu haben. Wenn man mal Albanien D ignoriert.

ESC-Plotmania 2017

(Irgend ein Wortwitz mit City Lights)

In der nächsten Woche folgt dann sicher noch die Analyse, welche Beiträge von Jury- oder Publikumswertungen profitiert haben. Bis dahin gibt es hier schon einmal die geballte Ladung Grafiken:

escplots2017.zip

Viel Spaß damit.

 

Warum wird am Schulbus gedrängelt?

Ich bin ja ursprünglich vom flachen Voralpen- Land. Dort hat selbstverständlich nicht jedes Kuhdorf eine eigene weiterführende Schule, sondern die Kinder fahren morgens mit dem öffentlichen Personennahverkehr in die nächstgrößere Stadt, und nachmittags wieder zurück.

Nehmen wir mal als Beispiel die kleine Sven…ja. Die kleine Svenja also. Die wohnt jetzt beispielsweise in Nesselwang und geht auf das staatliche Gymnasium Füssen in Füssen. Könnte wirklich so sein!

Von Nesselwang aus kommt man mit der OVG-Linie 63/71 nach Füssen. Die startet ganz frühmorgens um 6:05 Uhr in Kempten, ist planmäßig um Viertel vor 7 in Nesselwang und liefert die Kinderlein planmäßig um 7:25 Uhr am Bahnhof in Füssen ab. Und nach der Schule geht es die gleiche Strecke wieder zurück. Das ergibt für die kleine Svenja aus Nesselwang eine Fahrzeit von täglich etwa zwei Dreiviertelstunden. Zeit, in der man Hausaufgaben abschreiben oder noch ein wenig powernappen kann.

Die Route der 63/71 frühmorgens, mit extrem detailliert eingezeichneten Ortschaften entlang des Wegs.

Die Route der 63/71 frühmorgens, mit extrem detailliert eingezeichneten Ortschaften entlang des Wegs.

Nun betreiben wir ein wenig Data Science1 und färben den Streckenverlauf nach Füllstand des Busses ein: Cyan heißt „leer“, Lila heißt „voll“, also alle Sitzplätze (!) sind besetzt.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe.

Huch! Was passiert denn da! Das schauen wir uns doch einmal genau an.

I have amazing zoom. Believe me, I have the best zoom.

I know zoom, I have the best zoom.

Die Stelle, an der die Strecke von Cyan zu Lila wechselt, ja? Das ist die Haltestelle „Nesselwang West“. Eine für diese Strecke sehr wichtige Haltestelle: An ihr wird die Sitzplatzkapazität des Busses erschöpft. Das bedeutet: Wer vor dieser Haltestelle einsteigt, bekommt immer einen Sitzplatz. Wer nach ihr einsteigt, bekommt nie einen Sitzplatz. Und vielleicht am wichtigsten: Wer an dieser Haltestelle einsteigt, bekommt möglicherweise einen Sitzplatz. Je später man im Vergleich zu den restlichen Kindern den Bus betritt, desto geringer wird die Chance auf einen Sitzplatz, und umgekehrt.

Was tut also die kleine Svenja, wenn sie nicht eine Dreiviertelstunde lang im Bus stehen möchte? Aktiv anstehen2.

Nun gibt es hin und wieder Eltern, die sich das Ganze ansehen und dann empört Dinge kundtun wie „Des isch nur an der Haltestelle so!“ und „Woanderscht stellen sich die Kinder ganz brav an, blos diese Brand-Kinder3 net!“

Führt man sich die Gesamtsituation vor Augen, ergibt sich relativ einfach die folgende Grafik, die abschließend sehr anschaulich darstellt, weshalb nur an der Haltestelle „Nesselwang West“ gedrängelt aktiv angestanden wird, dort aber mit vollem Einsatz.

Hausaufgabe bis zum nächsten Mal: Finde den Punkt, an dem der Profit maximal ist!

Hausaufgabe bis zum nächsten Mal: Finde den Punkt, an dem der Profit maximal ist!

Bonustrack! Was kann getan werden, um das Drängel-Problem zu umgehen? Es gibt mehrere Alternativen:

  1. Die Kinder mit dem Auto extra an eine Haltestelle weiter vorn fahren. Schwachstelle: Wenn das jeder machen würde!
  2. Alle Sitzplätze aus dem Bus ausbauen. Schwachstelle: Die Kunden werden nicht begeistert sein.
  3. Genug Sitzplätze für alle bereitstellen, sodass kein Punkt entsteht, an dem zu aktivem Anstehen motiviert wird. Schwachstelle: So ein zweiter Bus kostet Geld.
  4. Nichts tun, sondern einfach weiter meckern und jammern. Die Kinder werden schließlich irgendwann mit der Schule fertig und dann ist es nicht mehr unser Problem. Schwachstelle: keine!

Grafiken: Strecken-Daten von OpenStreetMap – Veröffentlicht unter ODbL

  1. das ist Englisch für „Zahlenmagie“
  2. euphemistisch für „Drängeln“
  3. Die Haltestelle „Nesselwang West“ befindet sich im Ortsteil „Brand“. War das ein Wortwitz-Feuerwerk, als es da mal auf einer Wiese gebrannt hat!