ESC 2019: Jury vs. Publikum

Obacht: Dieser Artikel wurde veröffentlicht, bevor die EBU gemerkt hat, wo vorne und wo hinten ist. Die Zahlen spiegeln also den Stand wieder, der am Finalabend bekannt gegeben wurde. Das heißt, es gibt leichte Abweichungen zum tatsächlichen Endergebnis.

Wie schon 2013, 2014, 2015, 2016, 2017 und 2018 wollen wir – völlig überraschend – auch dieses Jahr einen Blick auf die detaillierten Ergebnisse des Eurovision Song Contest 2019 werfen und uns zwei Fragen widmen: Wer wurde von den Jurys abgestraft und vom Publikum nach vorn gevotet? Und bei wem ist es umgekehrt?

Die willkürlich gewählte Grenze für „signifikante“ Verschiebungen liegt auch in diesem Jahr bei 5 Punkten, denn das haben wir schon immer so gemacht. Zusätzlich werden die Beiträge betrachtet, bei denen auch geringere Verschiebungen Auswirkungen auf ihr Fortkommen im Bewerb hatten, beziehungsweise die im Finale in die / aus den Top 10 rutschen.

Zur Erläuterung: Im Abschnitt „Die Jurys1“ betrachten wir, wie das Juryvoting sich auf die Endplatzierung eines Beitrags im Vergleich zum reinen Publikumsvoting ausgewirkt hat. Im Abschnitt „Das Publikum“ hingegen betrachten wir, wie sich die Endplatzierung eines Beitrags durch das Publikumsvoting verbessert/verschlechtert hat im Vergleich zur Platzierung im Juryvoting.

Erster Halt des Hypetrains:

1. Halbfinale

Die Jurys

up Weißrussland (ZENA – Like It) gewinnt 1 Platz (11 ↗ 10)

down Polen (Tulia – Fire of Love (Pali się)) verliert 3 Plätze (8 ↘ 11)

Die Jurys tauschen also formidablen polnischen Schreigesang gegen eine sechzehnjährige Britney-Kopie. Im Finale hätte ich ja gern beide nochmal gesehen.

Das Publikum

up Island (Hatari – Hatrið mun sigra) gewinnt 5 Plätze (8 ↗ 3)

up Estland (Victor Crone – Storm) gewinnt 5 Plätze (9 ↗ 4)

up San Marino (Serhat – Say Na Na Na) gewinnt 7 Plätze (15 ↗ 8)

down Zypern (Tamta – Replay) verliert 5 Plätze (4 ↘ 9)

down Ungarn (Joci Pápai – Az én apám) verliert 3 Plätze (9 ↘ 12)

Das Publikum hat offenbar einen Fetisch-Fetisch und findet die estnisch-schwedische Ariana-Grande-Anleihe ganz nett. Außerdem scheint ein Haufen Telekom-Fans angerufen zu haben2 und hat San Marino ins Finale katapultiert.

ESC 2019: Jury vs. Publikum
The new Telekom campaign looks lit af. Screenshot: Eurovision/YouTube

Nich so angetan ist man hingegen vom Madonna-Klon aus Zypern, der passenderweise auch noch was von „Replay“ singt, und vom vormaligen Mr. Genie-in-a-ketchup-bottle, der dieses Jahr alleine auf der Bühne steht – aber nur mehr einmal: Das Publikum möchte ihn nicht im Finale sehen.

2. Halbfinale

Die Jurys

up Nordmazedonien (Tamara Todevska – Proud) gewinnt 5 Plätze (7 ↗ 2)

up Dänemark (Leonora – Love Is Forever) gewinnt 1 Platz (11 ↗ 10)

down Norwegen (KEiiNO – Spirit in the Sky) verliert 6 Plätze (1 ↘ 7)

down Litauen (Jurij Veklenko – Run with the Lions) verliert 3 Plätze (8 ↘ 11)

In den Reihen der Jurymitglieder sitzen, ein, zwei Stuhlfetischisten oder XXXLutz-Anteilseignerinnen, die der kleinen Dänin und ihrer Sandkastengruppe einen kleinen Schubser für den Einzug ins Finale geben. Virtuelle Klone stehen auch hoch im Kurs: Die stolze Nordmazedonierin wird im Ranking weit nach vorn geschoben.

Skandalöses Verhalten hingegen gegenüber der joikenden Gruppe aus Norwegen: Der Publikumsfavorit wird von den Juryclowns abgestraft und rutscht auf den siebten Platz im Halbfinale ab. Schlimmer erwischt es den litauischen Löwenbändiger, der weder seine Love cagen, noch ins Finale einziehen kann – er landet auf dem undankbaren Platz 11.

Das Publikum

up Norwegen (KEiiNO – Spirit in the Sky) gewinnt 4 Plätze (11 ↗ 7)

up Albanien (Jonida Maliqi – Ktheju Tokës) gewinnt 3 Plätze (12 ↗ 9)

up Litauen (Jurij Veklenko – Run with the Lions) gewinnt 6 Plätze (17 ↗ 11)

down Moldau (Anna Odobescu – Stay) verliert 4 Plätze (8 ↘ 12)

down Rumänien (Ester Peony – On a Sunday) verliert 3 Plätze (10 ↘ 13)

Ursprünglich wollten die Jurykasper den norwegischen Beitrag gar nicht ins Finale lassen. Zum Glück unternimmt das Publikum etwas dagegen. Das wäre ein herber Verlust gewesen!
Der Titel des albanischen Beitrags („geh doch nach Hause“) hat wohl ein paar Nationalstolze zu viel angesprochen. Oder waren es doch Demi-Lovato-Fans? Wir werden es nie erfahren.
Trotz starken Zuspruchs konnte sich die litauische Käfighaltung nicht durchsetzen. Egal, bleiben ja noch die Isländer mit ihrem Riesenrundkäfig im Finale.

Die Flaggensynoptiker Moldau und Rumänien scheitern dieses Jahr hart am Publikum: Hatten die Jurys sie noch im Finale gesehen, so erteilt das Publikum dem eine Absage. Wenn man sich ansieht, was aus diesen Ländern in den vergangenen Jahren3kam, ist das leider auch gerechtfertigt. Auch wenn das Fake-Trickkleid aus Rumänien schon supi war.

Vorlage: Eurovision/YouTube

Damit haben wir auch schon alle Finalbeiträge eingesammelt! Ab ins…

Finale

(oh-oh-oh! Oder sollte ich sagen: Na na na?)

Die Jurys

up Nordmazedonien (Tamara Todevska – Proud) gewinnt 4 Plätze (12 ↗ 8)

up Tschechien (Lake Malawi – Friend of a Friend) gewinnt 13 Plätze (24 ↗ 11)

up Zypern (Tamta – Replay) gewinnt 5 Plätze (20 ↗ 15)

up Malta (Michela – Chameleon) gewinnt 6 Plätze (22 ↗ 16)

down San Marino (Serhat – Say Na Na Na) verliert 10 Plätze (10 ↘ 20)

down Spanien (Miki – La venda) verliert 8 Plätze (14 ↘ 22)

Die stolze Mazedonin beeindruckt die Jurys und wird in die Top 10 gehievt. Fast wäre das auch den bunten Tschechen vom See mit ihrem lustigen Drummer passiert, aber dann reichte es leider doch nur für den elften Platz.
Replay-Madonna und das maltesische Karma-Chamäleon erhalten ebenfalls einen dollen Schubser von den Jurys, kommen damit aber auch nur ins Mittelfeld.

Party-Miki aus Spanien hingegen wird aus dem Mittelfeld nach hinten geschickt. Das Liederl, in dem es um eine Augenbinde geht (schon wieder so ein Fetisch-Ding?), vermochte die Jurys nicht zu überzeugen. Vielleicht, weil kein einziges „corazon“ im Text steht?

Und dann ist da San Marino. Party-Serhat von der Telekom. Look how they massacred my boy. Von der 10 auf die 20. Eine unfassbare Juryleistung. Alle entlassen!

Jetzt muss das Publikum es aber rausreißen.

Das Publikum

up Russland (Sergei Lasarew – Scream) gewinnt 6 Plätze (9 ↗ 3)

up Norwegen (KEiiNO – Spirit in the Sky) gewinnt 10 Plätze (15 ↗ 5)

up Island (Hatari – Hatrið mun sigra) gewinnt 4 Plätze (14 ↗ 10)

down Schweden (John Lundvik – Too Late for Love) verliert 5 Plätze (1 ↘ 5)

down Nordmazedonien (Tamara Todevska – Proud) verliert 6 Plätze (2 ↘ 8)

down Tschechien (Lake Malawi – Friend of a Friend) verliert 4 Plätze (7 ↘ 11)

down Malta (Michela – Chameleon) verliert 6 Plätze (10 ↘ 16)

down Griechenland (Katerine Duska – Better Love) verliert 6 Plätze (15 ↘ 21)

Sergei der traurige Duschensängerschreier und seine 9 virtuellen Klone werden in die Top 3 geschoben. Die isländischen Stimmungskanonen landen dank des Publikums in den Top 10 und halten zum Dank ein paar Häkelarbeiten der Klasse 3c der Iveta-Mukuchyan-Grundschule in Reykjavík in die Kamera.

Der Norwegische Joik gewinnt souverän das Publikumsvoting, landet aber insgesamt nur auf Platz 5. Ich habe ja nichts dagegen, dass der Beitrag aus den Niederlanden gewonnen hat, aber ich bin immer noch böse, dass der norwegische Beitrag nicht gewonnen hat. Juries abschaffen JETZT!

Wenig Liebe vom Publikum erfährt Juryliebling John Lundvik, der seinen ersten Platz nach der Jurywertung gegen einen fünften Platz eintauschen muss. Tolles neues Punktebekanntgabesystem haben Sie da.

Auch bei Nordmazedonien (jaja sie ist stolz weil ihr Lied „Proud“ heißt blabla) stellt sich heraus, dass der sehr gute zweite Platz im Juryvoting eigentlich nur ein achter immerhin-top-ten-Platz ist. Sie trägt es mit Fassung.

Weniger der tschechische Freundeskreis: Der hatte sich nach 150 Jurypunkten mehr als *blätter* sieben Publikumspunkte erhofft. Sieht man ihnen ein bisschen an.

ESC 2019: Jury vs. Publikum
TFW du sieben (7) Punkte vom Publikum bekommst. Vorlage: Eurovision/YouTube

Dafür heißt es dann auch: Hinaus aus den Top 10! Gleiches gilt für die farbenfrohe Malteserin: Ganze sechs Plätze rutscht sie ab und landet auf Platz 16.

Und auch die griechische Nasalsängerin näselt sich auf Publikumswunsch vom vorderen ins hintere Mittelfeld. Dort kann sie dann weiter Blumenfechtball (ist das olympisch?) spielen.

Beobachtungen

Irgendwie kam ich mir dieses Jahr so bevormundet vor. Kein Wunder bei Titeln wie „Say Na Na Na“, „Wake up“, „Look Away“, „Run with the Lions“, und „Stay“, oder wenn Laserroboter-Chingiz immer „Shut up!“ schreit.

Wie bereits 2015 erhalten Deutschland (im Finale) und Österreich (im Halbfinale) 0 Punkte vom Publikum – the dream team is back würde ich sagen!

Hey, hey! Wisst ihr noch, wie sie ständig die Punktevergabe überarbeitet haben, weil sie so lange dauert? Wikipedia äußert sich zu diesem Thema wie folgt:

Mit einer Länge von 4:10 Stunden war das Finale das längste in der Geschichte des ESC.

Quelle: Internet/Wikipedia

Während es in den verganenen Jahren ein, zwei klare Sieger gab, ging es dieses Jahr in den oberen Punkträngen äußerst knapp zu. Das zeigt sich schon daran, dass der Beitrag mit den meisten Publikumsstimmen in der Gesamtwertung nur auf Rang 5 landet, der mit den meisten Jurystimmen gar auf Rang 6. Zum Vergleich: Ein Salvador Sobral hatte 2017 sowohl die meisten Jury- als auch Publikumsstimmen, und somit auch 266 Gesamtstimmen mehr als der Niederländer dieses Jahr.

Ach, und:

  1. Jurys, das sind fünf von der jeweiligen Rundfunkanstalt ausgewählte Clowns, deren Fantasiebewertung 50 % der vergebenen Punkte ausmacht und deren Abschaffung ich hiermit aus offensichtlichen Gründen fordere.
  2. So etwas gibt es???
  3. Obacht, das sind vier separate Links 😉

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