Vergleiche

Hinweis: In diesem Artikel stehen keine Argumente pro Merkelrücktritt oder pro Flüchtlingsaufnahme. Die finden Sie zum Beispiel hier oder hier.

Es müsste mein Religionslehrer der 5. und 6. Klasse gewesen sein, der uns einmal erklärt hat, weshalb es im alten Testament den scheinbaren Widerspruch gibt zwischen dem Gebot „Du sollst nicht töten“ und den zahlreichen Kriegen des Volkes Israel gegen diverse Völker.

Die Begründung war recht simpel: „Du sollst nicht töten“ bezog sich lediglich auf Angehörige des eigenen Volkes, ein Kriegsgegner aber war ein Feind und kein Mensch.

Diese Ungleichbehandlung von „uns“ gegenüber „den anderen“ ist etwas recht menschliches. Leider, aber ein „wir“-Gefühl erzeugt man nun einmal am einfachsten durch Abgrenzung gegenüber anderen.

In den letzten Tagen tauchen in meinen Social-Media-Feeds in der ein oder anderen Form immer wieder mal dieser Tweet auf:

Etwas störte mich an dieser Aussage, und jetzt kann ich auch benennen, was das ist. Günter Guillaume war ein Spion der DDR, „von drüben“, hat also für „die anderen“ spioniert. Der BND, auf den hier Bezug genommen wird, arbeitet aber der NSA zu, und „die Amerikaner“ sind aus Sicht der Kanzlerin, anders als östliche Supermächte, unsere Freunde. Was wohl los wäre, wenn hingegen heraus käme, dass der BND für den SWR spioniert hat?

Und wo wir gerade bei Ost und West sind: In der Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen, die aktuell in großer Zahl im Mittelmeer ertrinken, wird regelmäßig angeführt, dass die Integration dieser paar Bootsflüchtlinge gegenüber der Integration von wahlweise 12 Millionen Flüchtlingen nach Ende des 2. Weltkriegs oder 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlingen1 nach der Wiedervereinigung ein Kinderspiel sei. Ich halte das für sehr wahrscheinlich, der Vergleich fühlt sich aber so falsch an, als würden Äpfel mit Pferdeäpfeln verglichen.

So einen Bootsflüchtling haben wohl die Wenigsten schon einmal in Echt gesehen, außerdem kann der Afrikaner (der zum Großteil aus Syrien kommt) ja kein Deutsch. Mit der Integration hat man’s vermutlich auch relativ schwer, wenn der eigene Asylantrag auch nach Monaten noch nicht abgelehnt, äh, bearbeitet wurde.

Die Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg waren im Gegensatz dazu kurz vorher noch ebenfalls Bewohnerinnen und Bewohner des deutschen Reiches gewesen und sprachen deutsch. Die Bürgerinnen und Bürger des anderen Deutschlands ebenfalls. Faszinierend ist auch, dass die Menschen aus der DDR mit der Wiedervereinigung plötzlich von „denen“ zu „uns“ wurden (und es, folgt man der Logik unserer Bundesregierung, ab da eigentlich völlig in Ordnung gewesen wäre, wenn sie uns großflächig abgehört hätten. Die Technik war ja vorhanden.)

Bleibt als gemeinsames Problem von 1945 und 2015 die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge. Und die sollte wirtschaftlich ja wohl kein Problem darstellen.

Vielleicht hinkt der Vergleich ja doch nicht so sehr.

  1. Dieses „Wirtschafts-“ wird auch immer sehr gern betont.

5 thoughts on “Vergleiche

  1. ellebil sagt

    Der Flüchtling aus dem ehemaligen Deutschen Reich war in den 1950er Jahren auch nicht überall willkommen. Und dass er Deutsch konnte, mag vielleicht ein Vorteil gewesen sein, aber wie sie Deutsch sprachen war dann das andere Problem (das rollende R trainierten sich z.B. einige Sudetendeutsche recht schnell ab).

    „Infolge von Flucht und Vertreibung lebten im geteilten Deutschland bald doppelt so viele Menschen pro Quadratkilometer wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Dabei nahm die spätere Bundesrepublik (die amerikanische, britische und später französische Besatzungszone) etwa acht Millionen Vertriebene und Flüchtige auf. Das entsprach einem Bevölkerungsanteil von etwa 16 Prozent. Dagegen integrierte die künftige DDR (die sowjetische Besatzungszone) mit vier Millionen Vertriebenen sogar einen Gesamtbevölkerungsanteil von 25 Prozent.

    Die Integration hatte also im großen Maßstab Bevölkerungsverschiebungen zur Folge. Regionen wie Mecklenburg verdoppelten ihre Einwohnerzahl auf einen Schlag. In der Bundesrepublik waren es in erster Linie Bayern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, die überproportional viele Menschen integrieren mussten.“ (Quelle)

    Das mögen alle „Deutsche“ gewesen sein, das Platzproblem dürfte schwierig zu lösen gewesen sein, u.U. weitaus schwieriger als es das heute ist, wo in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2014 173.072 Asyl-Anträge gestellt worden sind.

    „Allein 1946 gingen z.B. in der Provinz Brandenburg bei der zuständigen Behörde mehr als 45 000 schriftliche Beschwerden von Flüchtlingen und Vertrieben über alltägliche Konfliktfälle mit Einheimischen ein. Bei einer repräsentativen Umfrage in den Ländern
    der Bizone aus demselben Jahr galten Flüchtlinge und Vertriebene bei insgesamt 61 Prozent der befragten Einheimischen
    als Störenfriede.“ (Quelle)

    Insofern: die Situation heute mag mit der damals nicht vergleichbar sein. Wirtschaftlich gesehen ging es „Deutschland“ damals eindeutig schlechter als heute und es waren „Volksgruppen“ (um hier mal diese angebliche Zusammengehörigkeit aufzugreifen, was aber vollkommen abstrus ist, denn wie ist „Volk“ definiert?), die mal zum Deutschen Reich gehört hatten. Das Deutsche Reich ist ein Staat, die „Volksgruppen“ die Bürger. Die Staatsbürgerschaft kann man aber auf unterschiedlichen Wegen erlangen – (siehe). Insofern wäre nun eher die Frage: argumentierst du jetzt auf einer emotionalen Ebene mit „gleich und gleich“ verträgt sich besser (dem gegenüber würden die Anfeindungen gegenüber manchen Flüchtlingen nach 1945 stehen) oder gehst du davon aus, dass der Vergleich nicht stimmig ist, weil die Flüchtlinge nicht über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen, die sie aber – unter Inkaufnahme vieler Behördengänge – erlangen könnten und die nicht exklusiv ist?

    Die Ausgabe der Tagesschau aus dem Sommer 1989, in der sich mehrere „besorgte Bürger“ äußern, dass da ja viel zu viele ostdeutsche Flüchtlinge kämen und man irgendwann bestimmt nicht mehr wisse, wohin mit denen, reiche ich nach.

    • Sven sagt

      Der Grundgedanke ist wohl, dass eine Verkleinerung des Staatsgebiets mit entsprechender erzwungener Bevölkerungsverschiebung und die Vertreibung deutschsprachiger Minderheiten sich nur sehr schwer mit einer Migration von einem Kontinent auf einen anderen vergleichen lassen, was die dadurch entstehenden Herausforderungen im Zielland angeht. Abgesehen von „diese Fremden sind nicht von hier“ und der Versorgung mit Wohnraum.

      • ellebil sagt

        Das bedeutet: man könnte die aktuelle Situation eher mit den Auswanderungen nach Amerika im 19. Jahrhundert vergleichen? Da hätten wir dann einmal Iren (okay, die waren lange genug britisch besetzt, dass sie Englisch sprachen), aber vor allem auch deutschsprachige Menschen, die auswanderten und sich für sehr viel Geld in ein Schiff setzten, um in den USA ein besseres Leben zu beginnen. Hinkt der Vergleich in deinen Augen weniger?

      • Sven sagt

        Ich meine schon. Den Einwanderungsansatz der USA von damals heute in Europa auszuprobieren wäre allerdings sehr lustig: „Kommense, machensemal.“

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